Die Retter in der Not

Die Werkfeuerwehr im IP Kalle-Albert

Jedes Jahr werden die Männer der Werkfeuerwehr im Industriepark Kalle-Albert zu bis zu 400 Einsätzen gerufen. Die Bandbreite ist enorm und reicht von Bränden über Chemieeinsätze wie austretende Flüssigkeiten bis hin zu medizinischen Notfällen.

An diesem Morgen ist die Lage ruhig bei der Feuerwehr. Die imposanten Einsatzfahrzeuge stehen in der Garage, wenige Meter entfernt liegen die Helme, Jacken, Hosen und Schuhe ordentlich in den knallroten Spinden. Zwei Männer inspizieren gerade die Ausrüstung des Fahrzeugs für Gefahrstoffeinsätze.

Ein Stockwerk drüber werden Atemschutzgeräte getestet, nachdem diese in einer speziellen Waschmaschine gereinigt wurden. „Wenn wir einen Fehler machen, kann das Leben kosten“, sagt der Leiter für das Sachgebiet Atemschutz und Messtechnik, Gerhard Pietzonka. Er und seine Mitarbeiter überprüfen die Masken ganz genau, so müssen diese hundertprozentig dicht sein, aber trotzdem genügend Sauerstoff reinlassen.

Zwar geht es bei der Feuerwehr nicht immer spektakulär zu. So bietet sie Firmen etliche Dienstleistungen an, wie etwa die Wartung der Brandmelde-, der Löschanlagen, der Löschgeräte und von Rückhaltesystemen. Doch im Schnitt mindestens einmal täglich geht es ab zum Einsatz. Dann hat zum Beispiel eine Brandmeldeanlage ausgelöst, Chemikalien oder Betriebsstoffe sind ausgetreten, jemand ist im Aufzug stecken geblieben, ein Kran ist gekippt oder eine Wildschweinrotte bummelt durch den Industriepark. Das Ungewöhnliche bei dem Aufgabengebiet der Werkfeuerwehr: Nach 16 Uhr – dem Dienstschluss der Werkmedizin im Industriepark - sind sie auch für medizinische Notfälle zuständig.

„Insgesamt sind in unseren drei Einsatzabteilungen über 50 Einsatzkräfte beschäftigt“, erzählt der Leiter der Feuerwehr, Thorsten Wenderhold, der auch für das Notfallmanagement im etwa ein Quadratkilometer großen Industriepark zuständig ist. Im Ernstfall laufen alle Informationen im neuen Lagezentrum des Industrieparkbetreibers zusammen.

Die Zahl der Einsatzkräfte ist in den letzten Jahren stets gestiegen, so viele Brandschützer wie heute sind es noch nie gewesen. Corona hat für zusätzliche Arbeit gesorgt, vor allem in der Personalplanung. Schließlich sollten sich zwecks Infektionsschutz die jeweiligen Abteilungen möglichst nicht begegnen. Direkt am Tor Nord des Industrieparks ist die Feuerwehr untergebracht, die Stimmung ist fast schon familiär. Schließlich verbringen die Feuerwehrleute in manchen Schichten 24 Stunden miteinander. Da wird abends zusammen gekocht, Fernsehen geschaut, im Fitnessbereich bei den Hanteln und Laufbändern gemeinsam geschwitzt. Das schweißt zusammen – ebenso wie natürlich die vielen gemeinsamen Einsätze, bei denen sich einer auf den anderen verlassen muss.

Kontrolle in jeder Lage

Die Gefahrenabwehrzentrale ist rund um die Uhr von der Werkfeuerwehr und dem Werkschutz besetzt. Wer im Industriepark die Nummer „112“ wählt, wird automatisch hier in das Gebäude verbunden, zudem gibt es automatische Mitteilungen von den insgesamt 8000 Brandmeldern aus dem Industriepark. In diesen Fällen zeigt der Rechner alle notwendigen Informationen an: Welcher Brandmelder hat ausgelöst? Wie ist der Grundriss des Gebäudes? Gibt es Gefahrenschwerpunkte? Wer muss informiert werden?

Mehrere Männer kontrollieren in der Zentrale stets die Lage, dort reihen sich die Monitore aneinander. Auf weiteren Bildschirmen an der Wand sehen sie die Bilder diverser Überwachungskameras. Neben Telefonen und Tastaturen gibt es auch den großen Knopf „ALARM“. Wenn dort drauf gedrückt ist, war es das mit der Ruhe auf der Feuerwehrwache.

Die Männer laufen zu ihren türlosen Spinden, die an der Wand in der Garage stehen. Sie ziehen sich schnell ihre Einsatzkleidung an, die Fahrzeuge werden gestartet, dann geht es schon los. Das alles dauert höchstens 90 Sekunden. „Innerhalb von weiteren zwei Minuten sind wir in der Regel am Einsatzort“, sagt Wenderhold. Je nach Lage kommen verschiedene Fahrzeuge zum Einsatz, etwa das riesige Löschfahrzeug. Hiermit kann nicht nur mit Wasser gelöscht werden. In dem Fahrzeug befindet sich auch Schaum, Löschpulver und Kohlendioxid, so dass die Feuerwehr für jeden nur denkbaren Notfall gerüstet ist.

Die Feuerwehr in dem Industriepark gibt es schon seit dem Jahr 1881. Sie gehörte damals zur Firma Kalle. Sechs Jahre später zog die Fabrik der Firma Albert – beide Unternehmen teilten sich damals das Gelände – nach. Im Jahr 1989 verschmolzen die beiden Firmen zum Werk „Kalle-Albert“ durch die Hoechst AG, die beiden Feuerwehren werden zu der „Werkfeuerwehr Kalle-Albert“ zusammengefasst. Acht Jahre später wurde als Nachfolgerin der Hoechst AG die Infraserv Wiesbaden gegründet, die neue Betreibergesellschaft des Industrieparks. Das bedeutete schon wieder einen neuen Namen für die Brandlöscher, die seitdem als „Werkfeuerwehr Infraserv Wiesbaden“ firmieren.

Sabine Maurer

Werkfeuerwehr im IP Kalle-Albert Immer schnell vor Ort: Die Feuerwehr

Eng und auch noch stockdunkel

Dort fangen jedes Jahr zwei neue Azubis ihre Ausbildung zum Feuerwehrmann an, Frauen gibt es bei den Brandschützern bislang nicht. Die Nachwuchsarbeit ist äußerst wichtig. „Der Markt für Feuerwehrleute ist quasi leer gefegt“, erklärt Wenderhold. Einen Mangel an Bewerbern für die Azubi-Stellen gibt es zwar nicht, doch die jungen Männer müssen zunächst einen Test bestehen. Schließlich sollen sie nicht erst in der Ausbildung feststellen, dass sie auf dem 52 Meter hohen Teleskopmast des Höhenrettungsfahrzeugs doch nicht schwindelfrei sind oder sie in den Chemikalienschutzanzügen und unter den Pressluftatemgeräten Platzangst bekommen. „Nicht selten ist es die körperliche Fitness, die Probleme bereitet. Aber ohne die geht es bei der Feuerwehr eben nicht.“

Wie hoch die Anforderungen an die Feuerwehrleute sind, zeigt sich auch im Übungsraum im Keller. Dort müssen sie in voller Montur durch eine Art Käfig mit engen Gängen über und durch verschiedene Hindernisse klettern. Schon alleine das kann bei empfindlichen Gemütern klaustrophobische Zustände auslösen. Doch bei den Übungseinsätzen ist es nicht nur eng, sondern auch noch stockdunkel.

Insgesamt übt die Feuerwehr drei Mal wöchentlich an verschiedenen Orten. Ein mögliches Szenario: Bei einem Unfall ist Salzsäure ausgelaufen, mehrere Menschen sind verletzt. Solche schlimmen Notfälle sind in Wirklichkeit natürlich selten. Der letzte große Einsatz liegt schon mehr als fast ein Jahr zurück. Damals brannten Kunststoffe auf der Petersaue, die Rauchsäule war in ganz Mainz und Wiesbaden zu sehen.

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