Knochenzement für die Welt

Heraeus Medical in Wehrheim

Weltweit wird bei Gelenkoperationen Knochenzement verwendet, der von dem Unternehmen Heraeus Medical in dem idyllischen Taunusdorf Wehrheim stammt. Die Firma ist Marktführerin und auf Expansionskurs. Vieles in der 2004 gegründeten Firma ist noch sehr neu, etwa das moderne Produktionsgebäude. Noch ist es dort allerdings ruhig, die blitzeblanken Geräte warten auf ihren ersten Einsatz. „Es laufen noch die Qualifizierungen für die Maschinen“, erklärt die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Mariella Theile. Derzeit werden der Knochenzement und die anderen Produkte des Unternehmens noch in dem benachbarten älteren Gebäude produziert. Mit dem 2800 Quadratmeter großem neuem Produktionsgebäude in Wehrheim sollen die Umsatzzahlen möglichst weiter nach oben schnellen. Insgesamt werden inklusive Innenausbau 27 Millionen Euro investiert.
Auch der Betriebsrat ist noch recht neu in Wehrheim, erst im Jahr 2018 wurde er erstmals gewählt. „Zuvor hatten wir mit Heraeus in Hanau einen gemeinsamen Betriebsrat, doch im Jahr 2017 haben sich unsere Betriebsstrukturen geändert“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Zeki Yelbuz. Neun Betriebsräte gibt es nun in Wehrheim, wo derzeit rund 250 Menschen arbeiten. Die Zahl der Arbeitsplätze wächst kontinuierlich, jedes Jahr geht sie in zweistelliger Höhe nach oben. 2019 wurden über 20 Stellen neu geschaffen. Auch für 2020 waren mehr als 20 neue Arbeitsplätze geplant, coronabedingt kommt es jedoch zu Verzögerungen.
„Palacos“ auf Erfolgskurs
In dem neuen Gebäude will das Unternehmen nach eigenen Angaben „innovative Produktlinien produzieren, die das Arbeiten mit Knochenzement im OP für Ärzte und OP-Fachpersonal noch einfacher und schneller machen“. Bei dem Knochenzement handelt es sich allerdings nicht um Zement im eigentlichen Sinne, sondern um einen Kunststoff namens „Polymethylmethacrylat“ – abgekürzt als „PMMA“. Er härtet nach dem Aufbringen innerhalb von Minuten aus und fixiert die Prothese fest im Knochen. Schon seit über 60 Jahren wird er für die Verankerung von künstlichen Gelenken genutzt.
Heraeus hat seinen Knochenzement namens „Palacos“ im Jahr 1957 entwickelt, zwei Jahre später wurde er auf dem deutschen Markt eingeführt. Nach Angaben des Unternehmens ist es mit „Palacos“ der Marktführer bei den Knochenzementen. Zudem vertreibt es noch weitere Produkte rund um das Thema Gelenkersatz her, wie etwa „Palavage“ zur gründlichen Reinigung des Knochenbetts oder „Osteopal“ zum Stabilisieren von Wirbelkörpern.
Heute ist der Gelenkersatz natürlich längst eine Routineoperation. Weltweit werden jährlich etwa vier Millionen Hüft- und Kniegelenke ersetzt. Da Menschen immer älter werden und auch die Zahl der Übergewichtigen steigt, nimmt die Zahl dieser OPs stets weiter zu. Zum ersten Mal war ein künstliches Gelenk im Jahr 1890 einem Patienten eingesetzt worden, das Ersatz-Knie bestand aus Elfenbein und Nickelstahl. Die erste künstliche Hüfte folgte erst im Jahr 1938. Die Materialien und Techniken wurden seitdem immer weiter verbessert. Ein großer Fortschritt war die Einführung von PMMA im Jahr 1959, seitdem werden Knochenzemente für die Verankerung von Prothesen genutzt – seit 1972 inklusive Antibiotika zum Schutz vor Infektionen.

IG BCE Rhein-Main

Heraeus-Werk am Standort Wehrheim Heraeus-Werk am Standort Wehrheim

Forschung geht weiter
Alternativ können Prothesen auch ohne Zement eingesetzt werden. Dabei wächst der Knochen langsam in die Oberfläche des künstlichen Gelenks ein und bildet erst nach einiger Zeit eine feste Verbindung. Welches Verfahren jeweils eingesetzt wird, hängt von mehreren Faktoren ab, wie etwa weiteren Erkrankungen des Patienten oder die Qualität seiner Knochen.
„Bei den Knochenzementen werden immer neue Wirkstoffe erforscht, auch die Applikationsformen habe sich entwickelt“, erklärt Yelbuz. So mischte man früher den Knochenzement in den Operationssälen noch in einer offenen Schale an, heute kann er deutlich unkomplizierter in einer geschlossenen Kartusche gemischt und damit gleich aufgetragen werden.
Allerdings ist die Lebensdauer einer Prothese natürlich begrenzt. Zu den Risiken gehört die Mechanik des Gelenks, zudem kann eine Infektion zu Schmerzen und einer eingeschränkten Beweglichkeit führen. Die Prothese lockert sich häufig und der Patient muss dann wieder unters Messer, damit sie ersetzt werden kann. Doch die Patienten profitierten vom Fortschritt: Neue Varianten des Knochenzements tragen dazu bei, das Infektionsrisiko weiter zu reduzieren, so dass Komplikationen immer seltener werden.

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